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-- Autor Jörg Hugger --
Die Vorgeschichte / Leseprobe zum Buch
"Forscher im Universum der Astralkörper"
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    Das brauchte er mir ja nicht zu sagen. Eigentlich hätte er in einem Sicherheitstransporter zur Klinik gefahren werden müssen. Es war aber Usus, diese Vorschrift zu ignorieren. Es war einfach zu aufwendig. Alle Diplomanden machten das so.
    Wir verabschiedeten uns mit einem Handschlag, wobei er verschwörerisch mit den Augen zwinkerte. Das nervte mich. Die Schachtel hatte gerade noch in einem der beiden Koffer Platz.
    Auf dem Weg zur U-Bahn-Station dachte ich über meine Zukunft nach. Ich tendierte dazu, in der Universität HOCK zu bleiben, obwohl die Bezahlung nicht so gut war wie in der Industrie. Als einige sehr unangenehme Erinnerungen vor meinem geistigen Auge auftauchten, keimte in mir der Wunsch, ganz woanders hinzuziehen. Menschenhort war groß. Über das Wurmlochnetzwerk zu einer Kolonie in ein anderes Sonnensystem zu reisen, war mir allerdings zu riskant. Statistisch betrachtet war dies natürlich Unsinn. Aber viele Astralgänger hatten Angst vor einer Reise durch ein Wurmloch.
    In der U-Bahn war kaum etwas los. Viele zogen es vor, mit einem Gleiter zu reisen, statt die öffentlichen Verkehrsmittel zu gebrauchen. Seit die Energieversorgung auf Antimaterie umgestellt worden war, fuhren die Züge praktisch umsonst. Es war ein System, das von Robotern betrieben und gewartet wurde, und das wohl noch hunderte von Jahren laufen würde, selbst wenn viel bessere Fortbewegungsmittel erfunden wurden.
    Ein blauhaariger Dawone stieg eine Station nach mir ein und setzte sich mir gegenüber. Da ich nichts gegen diese Menschenrasse habe - im Gegensatz zu vielen anderen -, nickte ich leicht zurück, als er mich grüßte. Ich hätte es doch lieber bleiben lassen sollen, denn er beugte sich zu mir vor und meinte: "Ganz schön schmuddelig hier."
    Er übertrieb. Sicher, es war nicht erste Klasse, aber das Abteil war sauber. "Ja", antwortete ich nur.
    Er lehnte sich wieder zurück und meinte, dabei auf meine Koffer zeigend: "Auf der Reise?"
    "Umzug", hielt ich mich absichtlich wortkarg.
    "Ach so. Da kann ja dann einiges passieren. Vor einem Unfall ist man nie ganz sicher. Zum Beispiel habe ich mich schon oft gefragt, wie es in einer U-Bahn bei einem Brand abgehen würde. Wahrscheinlich würden wir alle schnell ersticken."
    Ich wusste noch nicht, worauf er hinauswollte. "In jedem Wagen gibt es eine automatische Löschanlage", antwortete ich. Das wusste jeder. Schon eine einzelne Zigarette konnte sie auslösen, was jedem Raucher bekannt war.
    "Die kann ja auch einmal defekt sein. Außerdem gibt es da noch Terroristen. Gerade heute haben sie wieder eine Raumfähre entführt. Schon gehört? Also, was würden Sie machen, wenn Sie urplötzlich sterben müssten?"
    Natürlich konnte er mir nicht ansehen, dass ich Astralgänger war. Ich würde auch nach dem Tod meines Körpers weiterleben. Ich zuckte nur mit den Schultern, was er als Aufforderung verstand, weiterzureden: "Ich sage Ihnen, was dann mit Ihnen geschieht! Ihr Astralkörper fällt bewusstlos zur Yang-Singularität. Ihre Angehörigen werden Sie betrauern, aber nicht das Geld für eine Wiederbelebung aufbringen können. Deswegen sollten Sie jetzt an den Abschluss einer Überlebensversicherung denken. Schon morgen könnte es zu spät sein."
    Nun wusste ich also, mit wem ich es zu tun hatte: einem Versicherungsvertreter. Das war mir auch noch nie passiert, dass mich in der U-Bahn einer angesprochen hatte. Die Idee war allerdings nicht schlecht: Man konnte ja nicht davonlaufen.
    Ich schwieg einfach. Sollte er doch ruhig noch ein wenig reden. In zwei Stationen würde ich aussteigen.
    Er fuhr fort: "Sehen Sie: Ich bin schon dreimal gestorben." Er fuhr sich mit der Hand durch seine blauen Haare. "Und wie fit ich jetzt bin!"
    Es war eine Lüge, dass er schon dreimal gestorben war. Jeder wusste, wie Klone aussahen. Und jeder ekelte sich vor ihnen. Deswegen schwieg ich weiter.
    Mein Gesicht musste meine Gedanken verraten haben: "Sie denken, das kann nicht sein? Es ist aber so. Unsere Versicherung hat eine Kooperation mit Zell-Zucht-Now. Das ist ein Biotech-Start-up, das völlig neue Wege geht."
    Ich hatte noch nie etwas von diesem Unternehmen gehört. Ein neues Klonverfahren wäre durch die Presse gegangen.
    Um den Astralkörper eines Verstorbenen aufzunehmen, wurde ein Klon unter Molybdänhelid-Schutz aufgezogen. Damit bildete er keinen Astralkörper aus. Der Klon musste nicht die DNA des ursprünglichen Menschen besitzen, wenn nur die Körperform mit dem aufzunehmenden Astralkörper weitgehend übereinstimmte. Ein Klon ohne Astralkörper war ein Autist, eine willenlose Hülle, und nur äußerlich ein Mensch.
    "Ich habe kein Interesse, danke", versuchte ich seine Werbebemühungen zu bremsen.
    Aber der Vertreter ließ nicht locker. "Das glaube ich Ihnen nicht. Früher oder später werden Sie sterben. Das zu ignorieren, ist dumm. Je früher Sie bei uns eine Versicherung abschließen, desto günstiger ist es. Oder haben Sie schon eine Überlebensversicherung? Wechseln Sie einfach zu uns. Das ist total einfach. Sie werden es nicht bereuen." Jetzt zog er Papiere aus seiner Jacke. "Sie müssen nur hier unterschreiben für einen Neuvertrag, oder hier für einen Wechsel. Werden Sie unsterblich, jetzt, nur mit einer Unterschrift!" Seine Begeisterung war fast ansteckend.
    "Sie haben mir noch nicht einmal den Namen Ihrer Versicherung genannt."
    "Entschuldigung. EwdaL - Ewig währt das Leben. Wir sind spezialisiert auf Überlebensversicherungen. Deswegen haben wir die günstigsten Beiträge ..."
    Die EwdaL war für ihr Schneeballsystem bekannt: Wer zehn zahlende Versicherungsnehmer warb, war kostenlos versichert. Deswegen war der Dawone so erpicht auf meine Unterschrift.
    Die Zeit zum Aussteigen war gekommen. Ich erhob mich. Der Vertreter wollte mir folgen. "Wir können das noch in Ruhe besprechen."
    "Das wird nicht nötig sein", sagte ich. "Ich bin Astralgänger."
    Sein Gesicht versteinerte sich. Erstarrt blieb er stehen. Seine Hände begannen zu zittern und er erbleichte. Die Tür der U-Bahn öffnete sich; ich trat hinaus. Den Mann hatte ich schockiert - ein Blick zurück zeigte es mir. Normalerweise war es besser, man verschwieg, dass man Astralgänger ist. Aber es hatte auch ab und an seine Vorteile, es im richtigen Moment zu verraten.
    Ein plötzlicher Schmerz durchfuhr mich, sodass ich meine Koffer abstellen musste. Eine Erinnerung war wiedergekommen. Es gab auch die völlig falschen Momente - bei einem Heiratsantrag zum Beispiel. Mein Hochmut war wie weggewischt. Ich rieb mir die Schläfen und die Stirn, was keine Erleichterung brachte.
    "Kann ich Ihnen helfen?", fragte ein Passant besorgt.
    "Nein, danke", entgegnete ich. "Es ist nur die Anstrengung wegen der Koffer. Ich bin das nicht gewohnt."
    "Dann nehmen Sie doch einen Trageroboter", schlug er mir vor.
    Von Robotern an meinen Sachen hatte ich für heute genug. "Danke, aber ich bin gleich da."
    Die Haltestelle war direkt am Klinikum. Dafür musste ich bis zum Gebäudetrakt, in dem die klinischen Tests durchgeführt wurden, durch die ganze Intensivstation laufen. Aber ich kannte mich ja gut aus. Vier Räume waren immer noch für mich reserviert, nun aber menschenleer. In einem standen fünf Betten, zwischen denen Trennwände auf Rollen als Sichtschutz standen. Hier hatten die Patienten übernachtet, die ich per Astralhypnose behandelt hatte. Von einem angrenzenden Raum aus hatte ich über drei Fenster - die von der anderen Seite wie Spiegel aussahen - die Personen nachts überwachen können. Die Patienten hatten der Behandlung natürlich zugestimmt. Aufgrund von Tumoren - und bei einigen wegen eines seltenen außerirdischen Parasiten - war ihr Schlafzentrum im Gehirn zerstört worden. Ausnahmslos litten sie schwer unter den Nebenwirkungen der Medikamente, welche die Schulmediziner ihnen verschrieben hatten. Im Rahmen meiner Diplomarbeit hatte ich einen Weg gefunden, sie ganz ohne Medikamente schlafen zu lassen.
    Zwei große Haken hatte mein Verfahren, das musste ich zugeben.
    Erstens war es äußerst komplex. Selbst mein Betreuer hatte Schwierigkeiten gehabt, mir immer in allen Gedankengängen zu folgen. In meinen Aufzeichnungen hatte ich zwar alles genau beschrieben, doch um das nachzuvollziehen, war monatelange Arbeit notwendig. Man konnte auch einfach nur meinen Prototypen verwenden, den ich heute mit in die Klinik gebracht hatte. Dieser war im Universum der Astralkörper aber aus verschiedenen Gründen nicht einfach zu handhaben. Ich legte die Molybänhelid-Schachtel auf eines der leeren Betten und schloss den Raum ab.
    Zweitens war mir bewusst, dass ein normaler Mensch einer astralen Behandlung ‚nur' wegen Schlaflosigkeit nie zustimmen würde. Die Angst vor der Beeinflussung des Willens durch Astralhypnose schloss eine breite Verwendung aus.
    Nach dem Abendessen in der Kantine des Klinikums legte ich mich im Beobachtungsraum auf einer Liege hin. Von hier aus war ich oft ins Universum der Astralkörper gewechselt. Dazu musste ich mich in tiefe Trance versetzen. Eine ständige Beobachtung auf astraler Ebene war aber nicht notwendig gewesen, weil der Schlafraum von Kameras überwacht wurde.
    Ich überlegte, wie es mit mir weitergehen sollte. Das Personal in der Klinik war sehr nett. Aber da war dieser Liebeskummer. Und vorhin beim Essen hatte auch wieder jemand eine Bemerkung über die Szene gemacht, die Stefanie hier abgezogen hatte. Nein, ich musste weg von hier, möglichst weit weg. Vor dem Einschlafen wechselte ich ins Universum der Astralkörper und frischte meine Selbsthypnose auf. Für lange, wirklich sehr lange Zeit verschwanden die Erinnerungen an Stefanie ins Unterbewusstsein.
    Als ich am nächsten Tag aufwachte, war ich glücklich und ausgeruht. Vielleicht lag es daran, dass es so schön ruhig in der Klinik war. Als ich auf die Uhr sah, bemerkte ich, dass es Zeit war, sich frisch zu machen und zu frühstücken. Das Essen in der Klinik für die Angestellten war sehr gut - insbesondere aus Sicht eines Singles und Studenten. Der Gedanke, nun eigentlich kein Student mehr zu sein, sondern das Diplom quasi schon in der Tasche zu haben, beflügelte mich. Mit dem gleichen Elan wie gestern startete ich in den Tag. Das mit dem Rausschmiss aus der Wohnung war eine Kleinigkeit - nichts, was einen Astralgänger aus der Ruhe bringen konnte.
    Auf dem Weg zum Frühstück traf ich gleich draußen auf dem Gang eine alte Dame in einem Rollstuhl. Ihr Kopf war vornüber gesunken. Eine Krankenschwester war nicht zur Stelle. Offenbar hatte die Frau einen Schwächeanfall erlitten. Ihren Puls konnte ich fühlen und auch ihr Atem ging regelmäßig. Etwas Schlimmes konnte es also nicht sein. Aber sie kam nicht zu Bewusstsein, als ich ihr vorsichtig die Wangen tätschelte und sie laut ansprach.
    ‚Zum Glück sind wir in einer Klinik', schoss es mir durch den Kopf. ‚Da sollte Hilfe schnell aufzutreiben sein.'
    Ich wusste, wo der nächste Bereitschaftsraum war. Besorgt riss ich die Tür auf. Zwei Krankenschwestern und ein Arzt lagen angezogen auf ihren Liegen. Das gab es doch nicht, dass sie um diese Zeit noch schliefen!
    Jetzt fiel mir auf, dass das Gebäude unnatürlich still war.
    Ich rüttelte den Arzt. Da ich ihn kannte, packte ich ordentlich zu.
    Nichts!
    Er schlief tief und fest.
    Ich rannte durch die Abteilung. Immer besorgter stieß ich die Türen auf. Überall traf ich nur auf schlafende Menschen! Angst kroch mir die Kehle hoch. Was war hier los?
    Meine Diplomarbeit!
    Es konnte nur meine Diplomarbeit sein!
 
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