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"Terroristen entführten heute Morgen gegen 05:00 Uhr eine Raumfähre mit 170 Passagieren an Bord. Wer die Entführer sind und welche Forderungen sie stellen, ist noch unklar. Der Kontakt zur Fähre ist abgerissen. Sie kreist in einem niedrigen Orbit um Menschenhort, wie die Flugsicherung mitteilte. Die Regierung ..." Ich schaltete die Nachrichten ab. Auf meinem Heimatplaneten Menschenhort - mit 21,5 Milliarden Einwohnern - gab es immer genügend schlechte Nachrichten. Der Kühlschrank war leer. Das war kein Wunder, denn in den letzten Tagen war ich nicht mehr zum Einkaufen gekommen. Meine Diplomarbeit hatte es nicht zugelassen. Ein Jahr lang hatte ich an ihr gearbeitet, wobei der Stress zum Schluss immer mehr zugenommen hatte. Der Abgabetermin war schneller herangerückt, als mir lieb war. Nach meiner gestrigen Abgabe fühlte ich mich nun ungeheuer erleichtert. Es war kurz vor sieben Uhr. Ich gähnte und ließ die Tür des Kühlschranks zufallen. Zwei Häuserblocks weiter würde gleich eine Bäckerei aufmachen. Frische Brötchen konnte ich mir normalerweise nicht leisten - wie ich mir auch die Wohnung in dieser noblen Gegend eigentlich (noch) nicht leisten konnte. Aber sie war nicht weit weg vom Klinikum, in dem ich meine Diplomarbeit in der Praxis erprobt hatte. Sobald ich richtig Geld verdiente, wollte ich mir eine Eigentumswohnung kaufen. Weil ich Astralgänger war, hatten sich über 500 Unternehmen über die Universität wegen eines Stellenangebots bei mir gemeldet, obwohl die Regierung auf Menschenhort gegen eine Arbeitslosigkeit von 17 Prozent ankämpfte. Aus Zeitmangel hatte ich nur einige E-Mails überflogen. Vom Leibwächter für Filmstars bis zum Raubtierbändiger war alles dabei. Die meisten Angebote waren allerdings von Unternehmen, die ihre Produkte auf astraler Ebene optimieren wollten. Sicher war ich mir lediglich darin, dass ich nicht zum Militär gehen wollte. "Ich brauche frische Brötchen", entschied ich, zog mich an und verließ die Wohnung. Sie lag in einem schön gestalteten Gebäude mit elf Wohneinheiten für Familien und Singles. Draußen hielt gerade ein Antigrav-Laster und ein Dutzend Roboter stiegen aus. Die Morgenfeuchtigkeit lag noch in der Frühlingsluft. Gut gelaunt sog ich sie ein. Es roch herrlich frisch von Sträuchern, die gerade rosa blühten. Die Bäume in der Allee schlugen aus und Vögel flatterten durch ihre Äste. Seit der Abgabe meiner Diplomarbeit fühlte ich mich wie von einem Mühlstein befreit, der mein Leben mit seinem Gewicht zur Qual gemacht hatte. Ab jetzt werde ich das Dasein wieder genießen', dachte ich mir. In der Bäckerei war ich einer der ersten Kunden. Als ich die Backwaren entgegennahm, die noch ofenfrisch dufteten, war ich in meiner Hochstimmung kaum zu bremsen. Aber wenn man hoch fliegt, so fällt man tief, das sollte ich schon bald erfahren. Auf dem Rückweg kreuzten drei Dern meinen Weg. Das waren Außerirdische, die von Fotosynthese lebten. Da es ihnen meist zu dunkel war, trugen sie Anzüge, die ihre Haut bestrahlten. Das Licht leuchtete am Rande ihrer Kleidung heraus, wenn sie sich bewegten. Ich grüßte sie kurz. Da mehrere hundert Millionen Außerirdische auf Menschenhort lebten, überraschte mich ihr Anblick nicht. Die Dern waren friedlich. Der mittlere der drei antwortete über ein Gerät, das er auf seinem flachen Körper trug. Er reichte mir kaum bis zu den Knien, obwohl er fast drei Quadratmeter Fläche unter sich bedeckte. "Schönen Tag auch", meinte er. "Haben Sie heute schon Nachrichten gehört? Was gibt es Neues?" "Eine Raumfähre ist entführt worden", fiel mir ein. Ich ging in einem Bogen um die Außerirdischen herum. Ein Gespräch mit den Fremden interessierte mich gerade nicht. So hatte ich sie schon hinter mir gelassen, als der Dern antwortete: "Ja, schlimm, nicht?" Ich nickte nur, winkte ihnen noch kurz zu und ließ sie zurück. Von weitem erkannte ich, wie die Roboter, die mir vorhin schon begegnet waren, eine Wohnung ausräumten. Sie stellten die Möbel auf den Gehsteig und dorthin auf den Straßenrand, wo zwischen den geparkten Antigrav-Gleitern noch Platz war. "Verdammt! Das sind meine Sachen!" Vor Schreck ließ ich fast das Frühstück fallen. Die letzten Meter rannte ich hin. "Was soll das?", schrie ich den Roboter an, der am nächsten war. "Was hat das zu bedeuten?" "Räumung", sagte der Roboter schlicht. Zwei andere Roboter kamen hinzu und setzten eine Kommode unsanft ab. "Die Wohnung von Siegfried Setiner wird zwangsgeräumt." "Warum?", verlangte ich zu wissen. "Meine Miete ist bezahlt. Ich habe mir nichts zu Schulden kommen lassen." Kommentarlos wandten sich die drei von mir ab und gingen in Richtung Hauseingang. Ich erkannte, dass ich von ihnen keine Erklärung erhalten würde. Ich ahnte zwar schon, was hier ablief, wollte es aber noch nicht wahrhaben. Verärgert donnerte ich mein Frühstück auf die Kommode und holte mein Handy heraus. Die Nummer meines Vermieters hatte ich schnell gefunden. Nach dem zehnten Klingeln befürchtete ich, dass er nicht abheben würde; nach dem zwanzigsten Klingeln war ich so geladen wie eine Atombombe. "Doktor Scheuerlingstal", meldete er sich unverhofft mit einem Unterton der Langeweile. "Setiner hier", sagte ich mühsam unterdrückt. "Ach ja, der", sagte Scheuerlingstal nur. Ich wartete einen Moment, ob mein Vermieter noch etwas sagen wollte, doch es kam nichts. "Haben Sie die Räumung meiner Wohnung veranlasst?", fragte ich nach dem Offensichtlichen. Ich hörte ihn räuspern. Mein Display blieb dunkel - ich konnte ihn nur hören. "Ja, das war nötig." "Und warum?", wollte ich wissen. Er druckste herum. "An gewisse Subjekte vermieten wir nicht", sagte er dann schlicht. "Es ist, weil ich Astralgänger bin", warf ich ihm vor. "Das ist es doch!" Dann kam nur noch der Piepton einer unterbrochenen Verbindung. Er hatte einfach aufgelegt, dieser Kerl, dieser unverschämte! Es war klar: Er wollte es nicht zugeben, war es doch gegen das Gesetz, mich deswegen aus der Wohnung zu schmeißen. Natürlich hatte ich das Gespräch aufgezeichnet - und die Netzbetreiber taten dies zur Terroristenbekämpfung ebenfalls. Das hätte vor Gericht gegen ihn verwendet werden können. Leider war es schon mein dritter Rausschmiss. Beim ersten Mal hatte ich wirklich prozessiert. Mein halbes Studium lang hatte ich mich darüber geärgert. Meine Ersparnisse waren von den Prozesskosten aufgefressen worden. Ich hatte dann zwar Recht bekommen und das Geld zurück erhalten, doch unterm Strich hatte mir das Ganze nichts als Ärger eingebracht. Mein nächster Anruf beim Vermieter wurde geblockt. Er hatte mich offenbar gerade in seine Blacklist eingetragen, worauf alle Anrufe von meiner Nummer nun automatisch bei ihm abgewiesen wurden. Damit war es sinnlos geworden, ihn nochmals telefonisch erreichen zu wollen. Die Roboter gingen mit meiner Einrichtung nicht gerade zimperlich um, obwohl sie dazu sicher in der Lage gewesen wären. Offenbar hatten sie entsprechende Anweisungen erhalten. Das hob meine Stimmung natürlich keineswegs. Es wäre auch völlig zwecklos gewesen, sich irgendwie gegen sie aufzulehnen. Es waren Maschinen, die ihren Auftrag ausführten. Jedem Einzelnen war ich kräftemäßig unterlegen. Daran bestand kein Zweifel. Während ich so dastand und beobachtete, wie meine Wohnung ausgeräumt wurde, wuchs meine Wut immer mehr. Am liebsten hätte ich meinem Vermieter persönlich die Leviten gelesen. Aber er wohnte in einem anderen Stadtteil - zu weit entfernt, um einmal schnell vorbei zu schauen, insbesondere, wenn die ganze Wohnungseinrichtung auf der Straße stand. Ich malte mir kurz aus, wie es wäre, ihm im Universum der Astralkörper einen Besuch abzustatten und ihn mir ordentlich vorzunehmen. Ich hätte ihn mit Hypnose wie eine Marionette nach meiner Pfeife tanzen lassen können. Aber es war natürlich völlig ausgeschlossen, dass ich so etwas tat. Der Paragraf eins der Friedensvereinbarungen zwischen den Astralgängern und den Nicht-Astralgängern verbot dies strikt seit dem Ende des Bürgerkriegs. Obgleich ich in dem Moment in Rachegelüsten badete, fand ich das normalerweise auch gut so. Jemand musste meinem Vermieter verraten haben, dass ich Astralgänger war. Ich hatte es ihm natürlich nicht gesagt, hatte nur angegeben, dass ich im Klinikum arbeitete. Das stimmte ja auch. Im Rahmen meiner Diplomarbeit behandelte ich dort Patienten mit Astralhypnose. Hätte ich eine Wohnung in der Universität oder gar von der astralen Raumflotte bezogen, hätte ich diese Probleme nicht gehabt, das war mir schon klar. Wenn man dieses Angebot aber wahrnahm, ging man gewisse Verpflichtungen ein. Ich wollte mich nicht schon während meines Studiums auf einen Berufsweg festlegen - die 500 Stellenangebote gaben mir da Recht. Diese waren über die Universität an mich weitergeleitet worden; keine dieser Firmen wusste, wo ich tatsächlich wohnte, und konnte demzufolge auch meinen Vermieter nicht ausfindig gemacht haben. Als ich mich wieder ein wenig beruhigt hatte - und das war nicht leicht neben den Robotern, die meine Wohnung ausräumten - rief ich meine Mutter an. Sie erkannte natürlich sofort, dass etwas nicht stimmte: "Was ist los? Du siehst ja furchtbar aus", stellte sie fest. Ich schwenkte kurz das Handy, damit sie es sehen konnte: "Das ist los!" Jetzt lachte sie. "Du bist schon wieder rausgeflogen, Monsterchen. Das ist das vierte Mal." Sie nannte mich Monsterchen, seit sie mich mit 16 in ein Heim stecken musste, nachdem man erkannt hatte, dass ich Astralgänger war. Dort hatte es mir gut gefallen. Wir Astralgänger waren unter uns gewesen. Aber ich mochte es nicht, wenn sie mich so nannte. "Das dritte Mal", korrigierte ich sie. "Ach nee", widersprach sie mir. "Dieser Selbsthypnosetrip von dir ist wirklich furchtbar. Irgendwann vergisst du noch, dass ich deine Mutter bin." "Ich weiß nicht, wovon du redest", antwortete ich verwirrt. "Ich werde doch wohl noch bis drei zählen können." "Und das mit der Steffi rechnest du nicht mit, oder was?", fragte sie forsch. Steffi? Der Name brachte irgendetwas in mir zum Klingen. Es war komisch, dass ich mich an kein Gesicht erinnern konnte. Diese Gedanken waren wie aus einer anderen Welt, von einer anderen Person. Da war auch ein heftiger Streit gewesen. Ich sah eine Frau in einem Schutzanzug vor mir. Der sollte sie wohl vor astraler Beeinflussung bewahren. Aber er war nicht richtig angelegt worden, und sie erstickte fast in ihm. Als ich ihr helfen wollte, wurde sie handgreiflich. Noch immer konnte ich mich nicht an ihr Gesicht erinnern. Da kam es mir in den Sinn, dass wir zusammengewohnt hatten. "He, hallo!", meldete sich meine Mutter wieder. "Bist du noch da? Nimm den Daumen von der Optik, Monsterchen." "Äh, ja", stammelte ich. Jetzt erinnerte ich mich an einen Heiratsantrag. Gleichzeitig hatte ich gestanden, Astralgänger zu sein. Das war wohl ein Fehler gewesen. Ein tiefer Schmerz berührte meine Seele. Meine Mutter hatte Narben aufgerissen. Sie redete und redete, aber ich hörte kaum zu. Als ich den Faden wieder aufnahm, sagte sie gerade: "... die Steigfähigkeit ist wirklich phänomenal. Als Spitzenleistung puffert er bis 500 g." Ich hatte keine Ahnung, wovon sie da sprach. "Also, ich wollte fragen, ob ich für einige Tage meine Sachen in deiner Gleitergarage unterbringen kann", versuchte ich sie wieder auf mein Wohnungsproblem zurückzubringen. "Es sollte nicht so lange dauern, bis ich eine neue Wohnung gefunden habe. Du kannst in der Zwischenzeit deinen alten Gleiter draußen parken." "Ich habe dir doch gerade lang und breit erklärt, dass das nicht geht, weil ich mir einen neuen Antigrav-Gleiter gekauft habe", seufzte sie auf. "Und der parkt nachts nicht draußen!", setzte sie entschieden hinzu. "Die Selbstbeteiligung meiner Vollkaskoversicherung ist zu hoch. Wenn da einer einen Kratzer rein macht, zahle ich die komplette Lackierung." "Wer soll da einen Kratzer reinmachen, wenn der einmal draußen parkt?" Also manchmal war sie schon zu komisch. Sie blieb bei ihrer Meinung: "Ich will es nicht, und damit Punkt!" Damit war es erfahrungsgemäß zwecklos, sie umstimmen zu wollen. Schließlich einigten wir uns darauf, dass sie sich eine zusätzliche Garage anmietete, für die wir uns die Kosten teilten. Sie würde sich sofort darum kümmern und mir die Adresse per SMS mitteilen. Das war wenigstens etwas. Bis diese SMS ankam, verging eine Dreiviertelstunde, in der ich voll damit beschäftigt war, die Roboter davon abzuhalten, mir meine Möbel zu ruinieren. Wenigstens erlaubte ihre Programmierung, hie und da auf meine Anweisungen zu achten. Gar nicht erwähnen möchte ich die Blicke und einige Kommentare der Nachbarn, die das Haus verließen. Offenbar hatte sich herumgesprochen, dass ich Astralgänger war. Und sie waren natürlich heilfroh, dass ich fortzog. Als ob ich ihnen jemals etwas getan hätte! Ich fühlte mich wie ein Aussätziger, den man nur zu gerne abschob und aus den Augen bekam. Die Roboter kamen von einer Spedition, deren Telefonnummer auf der Seite ihres Antigrav-Lasters stand. Ich rief an und hatte das erste Mal an diesem Tag Glück. Es wurde mir mitgeteilt, dass die Einheiten von mir gleich im Anschluss gemietet werden konnten. Der Preis war unverschämt, aber mir war es einfach zu dumm - und ich hatte auch nicht die Zeit -, mich nach einer anderen Spedition umzusehen. Fast vergaß ich, dass ich noch zwei Tutorien abzuhalten hatte. Das am Vormittag (über Astralhypnose) hatte ich in Vertretung für einen Studienkollegen zu halten, dem ich noch einen Gefallen schuldete. Sein Astralkörper war seit zwei Tagen verschollen. Die Veranstaltung musste nun ausfallen, da so kurzfristig kein Ersatz zu organisieren war. Ich kam mit meinem Laptop ins Netz und informierte die Teilnehmer per Mail. Das zweite Tutorium am Nachmittag über Pyradistenlogik wollte ich halten. Ich will nicht behaupten, dass ich asketisch gelebt habe, aber meine Besitztümer waren nicht gerade umfangreich. Sie passten dann auch alle in den Antigrav-Lastwagen der Spedition. Mit den Robotern flog ich zur frisch angemieteten Garage, in der wir meine Sachen provisorisch unterstellten. Es war natürlich alles ein einziges Chaos. Den Vormittag über verbrachte ich damit, meine Sachen wenigstens halbwegs zu ordnen. Das Wichtigste packte ich in zwei Hartschalenkoffer und einen Rucksack. Bei meinem ersten Rausschmiss hatte ich sofort versucht, im Netz eine Ersatzwohnung zu finden. Das war ein Fehler gewesen. Ich hatte nichts Passendes gefunden beziehungsweise kurzfristig klar machen können. So hatte ich dann die Nacht mit meinem Krempel draußen verbringen müssen - inklusive Nieselregen und Ärger mit der Polizei. In der Garage nahm ich mir endlich Zeit für mein Frühstück. Meine Mutter kam mit ihrem brandneuen Antigrav-Gleiter vorbei. Sie bot mir an, dass ich bei ihr unterkommen könnte. Ich lehnte dankend ab. Ich wollte im Klinikum übernachten. Das hatte ich in letzter Zeit oft getan, da ich mich mit der Behandlung von Schlafstörungen befasst hatte und die Patienten auch nachts hatte beobachten müssen. Gegen 13:00 Uhr schloss ich das Tor der Garage und meine Mutter flog mich mit meinen zwei Koffern und dem Rucksack in die Universität HOCK. Wir verabschiedeten uns nur kurz. Es war das letzte Mal, dass ich sie persönlich gesehen habe. Einmal telefonierten wir danach noch miteinander. Man kann nie wissen, wie das Schicksal zuschlägt und dem Leben eine andere Bahn aufzwingt. Ich gäbe viel dafür, meiner Mutter nochmals gegenüberzutreten und sie in den Arm nehmen zu können. Um 14:15 Uhr hielt ich mein Tutorium über Pyradistenlogik. Ich war damals noch kein Experte für dieses Thema. Das wurde ich erst viel später. Aber es war nur eine Veranstaltung für Erstsemester auf niedrigem Niveau. Behandelt wurden die Schriftzeichen der Pyradisten - jener Rasse, die die Menschheit auf so vielen Planeten im Universum angesiedelt hat. In Pyramiden auf Menschenhort hatte ein Pyradist Tafeln hinterlassen, um deren Entschlüsselung die Gelehrten seit Generationen stritten. Der erste Astralgänger hatte sie vor langer Zeit gefunden und interpretiert. Viele - auch Nicht-Astralgänger - halten ihn für einen Heiligen, der immer noch zurückgezogen auf der Insel Seikhonul leben soll. Das Eiland ist auf Menschenhort eine Tabu-Zone, um die sich zahllose Legenden ranken. Nach dem Tutorium kam der Betreuer meiner Diplomarbeit, Dr. Caltonal, vorbei: "Hallo Siegfried. Willst du Urlaub machen? Du hast gar nichts gesagt ..." Er deutete auf meine Koffer. "Nein", antwortete ich. "Ich bin schon wieder rausgeflogen." "Nach der Sache mit Stefanie hättest du zu uns in die Astralgänger-Wohnanlage ziehen sollen", meinte er. "Da wärst du gut aufgehoben gewesen. Wohnen umsonst bis zur Promotion. Was gibt es Besseres?" Ich wusste gar nicht, wovon er redete: "Welche Sache mit Stefanie?" "Ach ja, ich vergaß, du hast dich selbst hypnotisiert, um das zu vergessen. Das kann ich dir auch nicht verdenken - nach all den unappetitlichen Sachen, die da abgelaufen sind." "Welche unappetitlichen Sachen?", musste ich zurückfragen. Die ganze Welt schien Dinge zu wissen, von denen ich nicht die geringste Ahnung hatte. Die Erstsemester waren zum Glück schon gegangen, sodass wir allein im Schulungsraum waren. "Die Schlägerei in der Öffentlichkeit und diese völlig abstrusen Vergewaltigungsvorwürfe. Jede Frau, die sich in einen Astralgänger verliebt, hält sich für missbraucht. Erst recht, wenn sie nicht weiß, dass es ein Astralgänger ist - wie in deinem Fall. Du hattest ja die besten Absichten und wolltest sie heiraten. Aber du siehst ja, was daraus geworden ist. Du hättest dir eine Astralgängerin nehmen sollen. Das habe ich dir immer gesagt." Davon wusste ich gar nichts mehr. "Eine Schlägerei?", fragte ich deswegen verdutzt. "Fast ein zu hartes Wort", meinte er süffisant. "Für die Umstehenden war es eher unterhaltsam - ein Schauspiel: Frau im Ganzkörper-Molybdänhelid-Anzug, dem Erstickungstode nahe, gegen Astralgänger, der sich wie ein verliebter Trottel aufführt." Er kicherte. Vielleicht war es auch besser, ich wusste nichts davon. Andererseits hatten seine Worte in mir etwas angerührt, was mich verwirrte. Aber es wollte nicht ins klare Bewusstsein vordringen. "Sie hatte dir in der Kantine der Klinik aufgelauert, in einem Molybdänhelid-Anzug, um dir nochmals ihre Meinung zu sagen, was sie von Astralgängern im Allgemeinen und von dir im Besonderen hält. Es ging da auch um erzwungene Orgasmen." Er unterdrückte ein Lachen. Ich fand das gar nicht witzig. Einen schönen Betreuer hatte ich da. "Auf jeden Fall hatte sie den Anzug falsch angelegt und wäre fast erstickt. Als du ihr helfen wolltest, hat sie dir eine gelangt." Er legte mir anscheinend mitfühlend die Hand auf die Schulter, grinste dabei aber verschmitzt. "Vergiss sie einfach." Ich hatte sie bereits vergessen! Aber er hatte mir alles nochmals erzählen müssen. Ich beschloss, bei erstbester Gelegenheit meine Selbsthypnose zu verstärken, auf dass ich Steffi bis in alle Ewigkeit vergaß. "Ach ja, warum ich eigentlich vorbeikomme", er gab mir eine Molybdänhelid-Schachtel. Es war einer der beiden Teile meiner Diplomarbeit. "Du wohnst doch in der Nähe der Klinik? Ich wollte fragen, ob du das dem Chefarzt vorbeibringen kannst. Ach sorry, ich vergaß, du wohnst ja nicht mehr dort." Wieder lachte der Kerl in sich hinein. "Nein, es ist schon in Ordnung. Ich werde in der Klinik übernachten. Ich kann es vorbeibringen." Ich hatte bereits mit der Klinik telefoniert. Man hatte mir auf unbegrenzte Zeit erlaubt, mich dort einzuquartieren. Sie gehörten übrigens auch zu den 500, die mir eine Stelle angeboten hatten. Einige Patienten kannte ich mittlerweile recht gut. So oder so hatte ich mich noch von ihnen verabschieden wollen, nachdem nun die Testreihen in der Klinik vorüber waren. Er warnte mich noch: "Pass auf den Behälter auf. Der Inhalt ist gefährlich!" ... weiterlesen ... |